Warum entwurmen?
Jedes Pferd trägt Parasiten. Eine moderate Wurmlast ist normal und nicht behandlungsbedürftig. Problematisch wird es, wenn der Wurmdruck zu hoch wird: dann drohen Koliken, Abmagerung, Leistungsverlust und im Extremfall Gefäßschäden. Gleichzeitig hat ein jahrzehntelanger sorgloser Umgang mit Wurmkuren zu massiven Resistenzproblemen geführt, die heute viele klassische Wirkstoffe wirkungslos machen.
Die moderne Antwort darauf ist die selektive Entwurmung: regelmäßige Kotproben statt fester Termine, gezielte Wirkstoffwahl statt Schema-F, und ein konsequentes Weide- und Stallmanagement, das den Wurmdruck überhaupt erst niedrig hält.
Selektive Entwurmung schont Wirkstoffe und Geldbeutel
Selektive Entwurmung als Standard
Statt jedes Pferd mehrmals jährlich nach Schema zu behandeln, wird heute zuerst geprüft, ob überhaupt eine Behandlung nötig ist. Eine parasitologische Kotuntersuchung gibt mit dem EPG-Wert (Eier pro Gramm Kot) den entscheidenden Hinweis. Pferde, die unter 200 EPG ausscheiden, gelten als geringe Ausscheider und brauchen meist keine Behandlung.
Diese Strategie funktioniert besonders gut bei erwachsenen Pferden ab dem dritten Lebensjahr. Fohlen und Jungpferde haben höhere Wurmlast und werden engmaschiger entwurmt. Ergänzend bleibt eine strategische Bandwurm-Behandlung einmal pro Jahr Standard, weil Bandwürmer im Kot schwer nachweisbar sind.
Tipp: 200 EPG ist die übliche Schwelle
Wichtige Wurmarten beim Pferd
Nicht jeder Wurm ist gleich gefährlich. Diese Arten sind in deutschen Pferdeställen relevant:
Kleine Strongyliden (Cyathostominae)
- Risiko:
- Häufigste Wurmgruppe, Larvenstadien in Darmwand
- Diagnostik:
- Eizahl im Kot (EPG), Larvenstadien nicht erfasst
- Saison:
- Ganzjährig, Spitzen im Frühling und Herbst
Große Strongyliden (Strongylus vulgaris)
- Risiko:
- Selten, aber sehr gefährlich - können Blutgefäße schädigen und Koliken auslösen
- Diagnostik:
- Larven-Kultur oder PCR
- Saison:
- Ganzjährig
Spulwürmer (Parascaris equorum)
- Risiko:
- Hauptproblem bei Fohlen und Jungpferden bis 2 Jahre
- Diagnostik:
- Charakteristische Eier im Kot
- Saison:
- Ganzjährig, vor allem auf Weideflächen mit Fohlenbetrieb
Bandwürmer (Anoplocephala perfoliata)
- Risiko:
- Kann ileozökale Koliken auslösen
- Diagnostik:
- Antikörper-Bluttest oder spezielle Kotprobe
- Saison:
- Übertragung über Moosmilben im Sommerhalbjahr
Magendasseln (Gasterophilus)
- Risiko:
- Larven im Magen, irritierend, selten klinisch auffällig
- Diagnostik:
- Sichtbare Eier am Pferdefell im Sommer (gelb)
- Saison:
- Herbst und Winter sind Behandlungszeitfenster
Pfriemenschwänze (Oxyuris equi)
- Risiko:
- Verursachen starken Juckreiz am After (Schweifscheuern)
- Diagnostik:
- Tesafilm-Test am After, Eier im Kot selten
- Saison:
- Ganzjährig
Wirkstoffe und Präparate
In Deutschland sind im Wesentlichen fünf Wirkstoffe für Pferde zugelassen. Jeder hat eigene Stärken, Schwächen und Resistenzprobleme:
| Wirkstoff | Wirkt gegen | Wirkt nicht | Hinweise |
|---|---|---|---|
| Ivermectin | Kleine + große Strongyliden (adult), Spulwürmer, Pfriemenschwänze, Magendasseln | Bandwürmer, Larvenstadien der Strongyliden | Standard-Wirkstoff, Resistenzen bei kleinen Strongyliden zunehmend |
| Moxidectin | Kleine + große Strongyliden inkl. Larvenstadien, Spulwürmer, Pfriemenschwänze, Magendasseln | Bandwürmer | Wirkt auch auf eingekapselte Larven, Nachwirkung bis 13 Wochen |
| Praziquantel | Bandwürmer | Strongyliden, Spulwürmer, Pfriemenschwänze | Nur als Kombi-Präparat sinnvoll, meist mit Ivermectin oder Moxidectin |
| Pyrantel | Strongyliden (adult), Spulwürmer, Pfriemenschwänze, in höherer Dosis auch Bandwürmer | Larvenstadien, Magendasseln | Alternative bei Resistenzen gegen Makrozyklische Laktone |
| Fenbendazol | Strongyliden (adult), Spulwürmer, Pfriemenschwänze | Bandwürmer, Magendasseln, Larvenstadien | Resistenzraten in Deutschland zum Teil sehr hoch - nicht immer wirksam |
Fenbendazol-Resistenzen häufig
Kotprobe richtig nehmen
- Probe direkt nach Absatz nehmen, idealerweise innerhalb von 2 Stunden
- Aus 3-5 Pferdeäpfeln je eine kleine Menge entnehmen und mischen - Eiverteilung ist ungleichmäßig
- In sauberem, verschließbarem Beutel oder Becher kühl lagern (4-8 °C)
- Beschriftet mit Name, Datum und Pferdedaten zum Tierarzt oder Labor bringen
- Versand per Post innerhalb von 24-48 Stunden möglich, Polster und Kühlung empfohlen
- Auswertung dauert in der Regel 1-3 Werktage, Ergebnis als EPG (Eier pro Gramm Kot)
Sammelproben für ganze Bestände möglich
Wurmkur richtig geben
- Körpergewicht möglichst genau bestimmen - Wiegeband oder Brustumfang-Formel statt Schätzung
- Unterdosierung fördert Resistenzen, Überdosierung kann Nebenwirkungen verursachen
- Tube vor Anwendung schütteln, Sicherheitsring auf richtige Dosis stellen
- Pferd vor Anwendung nicht füttern, damit das Maul leer ist
- Wurmpaste hinter die Zunge applizieren, Pferd kurz Kopf hoch halten lassen
- Bei sehr nervösen Pferden Trainingsphase mit leerer Tube vorab üben
- Behandlung im Equidenpass oder Wurmkur-Tagebuch dokumentieren
Gewicht über Brustumfang schätzen
Weidehygiene und Stallmanagement
Wirksame Entwurmung beginnt im Stall und auf der Weide. Wer den Infektionsdruck konsequent senkt, braucht weniger Wurmkuren:
- Tägliches Abäppeln auf der Weide reduziert Infektionsdruck am wirksamsten
- Nicht überbesetzen: max. 1 Pferd pro 0,5-1 ha bei Dauerbeweidung, sonst Wechselbeweidung mit Mahd
- Wechsel- oder Mischbeweidung mit Rindern oder Schafen reduziert Wurmlast (Wirts-Spezifität)
- Hohes Stehen lassen vermeiden - Pferde fressen ungern in Kotnähe
- Mist heiß kompostieren - Eier und Larven sterben erst ab ca. 40 °C zuverlässig ab
- Frisch entwurmte Pferde 24-48 Stunden in der Box halten, damit der Mist gesammelt entsorgt werden kann
Tägliches Abäppeln ist die wirksamste Einzelmaßnahme
Resistenzen vermeiden
Resistenzen sind die größte Herausforderung der modernen Pferde-Entwurmung. Diese Strategien schützen die wenigen verbleibenden wirksamen Wirkstoffe:
- Selektive Entwurmung nur bei nachgewiesenem Wurmbefall - keine prophylaktischen Wurmkuren ohne Diagnostik
- Korrekte Dosierung nach genauem Gewicht - Unterdosierung selektiert resistente Würmer
- Wirkstoffrotation nur in Rücksprache mit Tierarzt, nicht willkürlich
- Eizahlreduktionstest (EZR) alle 1-2 Jahre, um Wirksamkeit der Präparate zu überprüfen
- Neuzugänge mit unbekanntem Wurmstatus quarantänisieren und gezielt behandeln
- Wirksame Wirkstoffe sparen, nicht für Bagatellbefall verbrauchen
Resistenzen sind irreversibel
Praktischer Jahresplan
Frühling (März-April)
Kotprobe nach Winterende, ggf. selektive Behandlung mit Ivermectin oder Moxidectin
Sommer (Juni-Juli)
Zweite Kotprobe vor der Hauptsommer-Wurmzeit, gezielte Behandlung bei hohem EPG
Herbst (September-Oktober)
Strategische Bandwurm-Behandlung mit Praziquantel-Kombi, dazu Kotprobe für Strongyliden
Winter (November-Dezember)
Moxidectin-Behandlung für eingekapselte Strongyliden-Larven, ggf. mit Magendasseln-Wirkung
Fohlen & Jungpferde
Engere Intervalle (alle 8-10 Wochen) wegen Spulwürmern und höherer Empfindlichkeit
Plan mit Tierarzt abstimmen
Kosten realistisch einschätzen
| Leistung | Richtwert |
|---|---|
| Kotprobe einzeln (Labor) | 15-30 € |
| Kombi-Probe für Strongyliden + Bandwurm | 25-50 € |
| Wurmkur Tube Ivermectin (Standardpferd) | 12-25 € |
| Wurmkur Moxidectin | 18-35 € |
| Wurmkur Ivermectin + Praziquantel | 20-40 € |
| Eizahlreduktionstest (EZR) | 30-60 € |
| Jahresbudget selektive Entwurmung pro Pferd | ca. 80-150 € |
Stallgemeinschaft spart Versandkosten
Häufige Fragen zur Entwurmung
Wie oft muss ich mein Pferd entwurmen?
Erwachsene Pferde mit normalem Risiko werden heute selektiv entwurmt - das heißt nach individueller Kotprobe nur dann, wenn der EPG-Wert erhöht ist. Üblich sind 2-4 Kotproben pro Jahr und ein bis zwei Behandlungen, statt früher 4-6 Routinewurmkuren ohne Diagnostik.
Was ist selektive Entwurmung?
Selektive Entwurmung bedeutet, dass nur Pferde mit nachgewiesenem relevanten Wurmbefall behandelt werden. Dafür werden regelmäßig Kotproben genommen und nach EPG (Eier pro Gramm Kot) bewertet. Tiere unter dem Schwellenwert (meist 200 EPG) bekommen keine Wurmkur. Das senkt Resistenzbildung und Kosten.
Wie viel kostet eine Wurmkur beim Pferd?
Eine einzelne Tube Wurmpaste kostet je nach Wirkstoff 12-40 €. Hinzu kommen 15-30 € für die Kotprobe. Wer selektiv entwurmt, gibt im Jahr typischerweise 80-150 € pro Pferd aus - bei konsequentem Schema mit 4 Wurmkuren oft mehr.
Welcher Wurmstoff wirkt gegen Bandwürmer?
Praziquantel ist der einzige verfügbare Wirkstoff gegen Bandwürmer. Er wird üblicherweise als Kombi-Präparat mit Ivermectin oder Moxidectin eingesetzt, weil Bandwurm-Diagnostik via Kotprobe unzuverlässig ist. Mindestens einmal im Jahr Bandwurm-Behandlung ist Standard.
Was tun bei Wurmkur-Resistenzen?
Resistenzen entstehen vor allem durch zu häufige Wurmkuren mit identischem Wirkstoff. Sind Resistenzen über einen Eizahlreduktionstest nachgewiesen, sollten betroffene Wirkstoffe nicht mehr eingesetzt werden. Die Lösung ist konsequent selektive Entwurmung mit Kotproben, gutem Weidemanagement und schonender Wirkstoffwahl.
Müssen Fohlen häufiger entwurmt werden?
Ja. Fohlen sind besonders anfällig für Spulwürmer und Strongyliden. Typischerweise werden Fohlen alle 8-10 Wochen im ersten Lebensjahr entwurmt, oft mit Fenbendazol oder Pyrantel. Die genaue Strategie sollte mit dem Tierarzt abgestimmt werden, da auch hier Resistenzen relevant sind.
Wie nehme ich eine Kotprobe richtig?
Frische Pferdeäpfel direkt nach Absatz sammeln, aus 3-5 verschiedenen Äpfeln eine kleine Mischprobe nehmen, kühl lagern und innerhalb von 24-48 Stunden ans Labor schicken. Mehr Probenmaterial verbessert die Aussagekraft nicht - die Mischung ist entscheidend.
Was bedeutet EPG?
EPG steht für "Eier pro Gramm Kot" und ist der Standard-Messwert in der parasitologischen Kotuntersuchung. Pferde unter 200 EPG gelten als geringe Ausscheider und brauchen meist keine Behandlung. Werte über 500 EPG sind ein klarer Behandlungsgrund.
Entwurmungs-Checkliste
Impfungen ergänzen die Vorsorge
Wurmkur und Impfung sind zwei Säulen der Pferde-Vorsorge. Der Impfratgeber zeigt, welche Impfungen wann sinnvoll sind.
Pferd impfen RatgeberStand: 2026-05-24 · Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Beratung.