Wann ist es ein Notfall?
Pferde verbergen Schmerzen lange. Wer auffälliges Verhalten erst dann ernst nimmt, wenn es offensichtlich ist, verschenkt im Notfall wertvolle Zeit. Drei Faustregeln helfen, einen echten Notfall zu erkennen: starke Schmerzanzeichen, plötzliche Veränderungen im Verhalten und auffällige Vitalwerte über mehr als kurze Zeit.
Verdächtig sind unter anderem permanente Unruhe, Wälzen ohne Grund, blasse oder dunkelrote Schleimhäute, sehr schnelle Atmung in Ruhe, kein Kot oder Urin über mehr als sechs Stunden, Lahmheit ohne erkennbare Ursache, blutende Wunden oder bewusst gemiedene Bewegung. Im Zweifelsfall lieber einmal mehr beim Tierarzt anrufen als später bereuen.
Notfall-Reihenfolge: ruhig bleiben, beobachten, handeln
Vitalwerte richtig messen
Vitalwerte sind die wichtigste Information im Notfall. Wer Temperatur, Puls, Atmung und Schleimhautfarbe routiniert messen kann, wirkt im Ernstfall ruhiger und gibt dem Tierarzt am Telefon eine fundierte Grundlage zur Einschätzung.
| Wert | Normalbereich | Auffällig |
|---|---|---|
| Körpertemperatur | 37,5 - 38,2 °C | Über 38,5 °C oder unter 37,2 °C |
| Puls (in Ruhe) | 28 - 44 Schläge/Min. | Dauerhaft über 60 oder unter 24 |
| Atmung (in Ruhe) | 8 - 16 Atemzüge/Min. | Über 24 oder mit Anstrengung |
| Kapillarfüllungszeit | Unter 2 Sekunden | Über 3 Sekunden = Schock-Verdacht |
| Schleimhautfarbe | Hellrosa, feucht | Blass, blaurot, gelb oder ziegelrot |
| Darmgeräusche | Hörbar in allen 4 Quadranten | Komplett fehlend oder hektisch klingend |
Vitalwerte regelmäßig im gesunden Zustand erfassen
Kolik erkennen und richtig handeln
Kolik ist eine der häufigsten lebensbedrohlichen Notfallsituationen beim Pferd. Sie beschreibt einen Sammelbegriff für Bauchschmerzen mit sehr unterschiedlichen Ursachen - von Verstopfung über Krämpfe bis zu Verlagerung des Darms. Schnelles Erkennen rettet Leben.
Typische Anzeichen
- Unruhe, scharren, immer wieder hinlegen und aufstehen
- Wälzen ohne sich danach zu schütteln, oft in beide Richtungen
- Nach dem Bauch schlagen oder schauen
- Flemmen ohne Anlass, Lippen-Hochziehen
- Kein Heu fressen, keine Wasseraufnahme über mehrere Stunden
- Kein Kot abgesetzt, blasse Schleimhäute, schnelle Atmung
- Schwitzen ohne körperliche Anstrengung
Sofortmaßnahmen
- Pferd in einer sicheren, weichen Umgebung führen, nicht alleine im Stall lassen
- Wenn das Pferd wälzen will: ruhig führen, keinen Zwang ausüben - wälzen ist nicht zwingend gefährlich, aber Stress vermeiden
- Wasser kann angeboten werden, aber kein Futter geben, bis der Tierarzt eingetroffen ist
- Sofort Tierarzt verständigen - jede Stunde Verzögerung kann lebensbedrohlich werden
- Tierarzt informieren: Wie lange dauert es schon? Welche Symptome? Hat das Pferd Kot abgesetzt? Letzte Wurmkur?
- Bis zum Tierarzteintreffen: Vitalwerte alle 10-15 Minuten notieren
Niemals selbst Schmerzmittel geben
Plötzliche Lahmheit
Lahmheit ist ein Symptom, keine Diagnose. Eine grobe Einschätzung mit dem AAEP-Grad-System hilft, dem Tierarzt am Telefon einen sauberen Eindruck zu geben.
Hufpuls und Stelzbein-Stellung beachten
Wunden richtig versorgen
Nicht jede Wunde ist gleich. Die Versorgung hängt von Art, Ort und Tiefe ab.
Oberflächliche Schürfwunde
Reinigen mit klarem Wasser oder steriler Kochsalzlösung, leichte antiseptische Salbe, beobachten. Tetanusimpfschutz prüfen.
Tiefere Schnittwunde
Druckverband anlegen, Pferd ruhig stellen, Tierarzt rufen. Stark blutende Wunden brauchen rasche Versorgung und ggf. eine Naht innerhalb von 6-8 Stunden.
Stichwunde
Stets vom Tierarzt beurteilen lassen - das sichtbare Eintrittsloch sagt nichts über die Tiefe oder beschädigte Strukturen. Nicht sondieren, nicht zustopfen.
Hufverletzung
Bei eingetretenen Nägeln oder Fremdkörpern: nicht ziehen, Lage fotografieren, Bein hochbinden und stehend zum Tierarzt - Position kann diagnostisch wichtig sein.
Gelenknahe Wunden
Immer tierärztlicher Notfall. Bereits kleine Öffnungen in Gelenkkapsel oder Sehnenscheide können zu schweren Infektionen führen.
Schritt für Schritt versorgen
- Hände waschen oder Einmalhandschuhe nutzen, Verschmutzung minimieren
- Blutung mit sauberen Mullkompressen abdrücken, mindestens 5 Minuten halten
- Klares Wasser oder sterile Kochsalzlösung zum Spülen, kein Alkohol direkt auf offene Wunden
- Wundsalbe nur sparsam einsetzen, viele Tierärzte bevorzugen trocken behandelte Wundränder
- Bei Verband: nicht zu fest, Polster verwenden, Verband regelmäßig wechseln
- Tetanus-Impfstatus prüfen und ggf. Auffrischung organisieren
Kreislauf, Hitze und Schock
Hitzeerschöpfung oder Schockzustände sind tückisch, weil sie nicht sofort dramatisch aussehen, aber rasch lebensbedrohlich werden. Bei hohen Außentemperaturen, nach Transporten oder bei starkem Blutverlust gehören die folgenden Warnzeichen sofort ernst genommen:
- Apathie, schwankender Gang, glasiger Blick
- Sehr schnelle Atmung über lange Zeit, ohne dass sie sich beruhigt
- Stark erhöhte Temperatur (über 39,5 °C)
- Trockene oder geschwollene Schleimhäute, lange Kapillarfüllungszeit
- Muskelzittern, Wegknicken in Gliedmaßen
Erste Maßnahmen bei Hitzestress
Atemnot und Husten
Akuter Erstickungsanfall
Plötzliches starkes Husten, Speichelfluss, gestreckte Halsposition. Ursache oft ein Futterstück im Schlund. Tierarzt sofort - selbst zu helfen ist gefährlich.
Atemnot mit Pumpen
Heftiges, sichtbares Pumpen der Flanken, Nüstern weit geöffnet, ggf. Schaum vor dem Maul. Notfall - Pferd in saubere, staubarme Umgebung führen, Tierarzt rufen.
Anhaltender Husten
Wiederkehrender Husten über Tage, Leistungsabfall, ggf. Nasenausfluss. Nicht akut bedrohlich, aber abklären lassen - mögliche Allergien oder chronische Erkrankungen.
Verschluck-Notfall ist Tierarzt-Sache
Verdacht auf Vergiftung
Giftige Pflanzen wie Jakobskreuzkraut, Eibe, Goldregen, Buchsbaum oder Eichenlaub sind je nach Region und Saison eine Gefahr auf der Weide. Auch Pestizide, Mäuse- oder Rattengift in unsachgemäß gelagerten Stallräumen kann zu Notfällen führen.
- Plötzliche starke Speichelproduktion, schäumendes Maul
- Krämpfe, Zittern, unkoordinierte Bewegungen, Stürze
- Pupillenveränderungen, blicklose Apathie
- Durchfall, kolikartige Anzeichen kurz nach Aufnahme bestimmter Pflanzen
- Schaumbildung an Nüstern, Atemnot
Probe sichern hilft dem Tierarzt
Wann den Tierarzt rufen?
Diese Dringlichkeits-Stufen helfen, im Notfall sauber zu entscheiden:
Sofort (rund um die Uhr)
- Kolik mit deutlichen Schmerzen oder über 30 Minuten Dauer
- Stark blutende oder gelenknahe Wunden
- Plötzliche extreme Lahmheit, Pferd entlastet das Bein komplett
- Atemnot mit Pumpen, blaue Schleimhäute
- Verdacht auf Vergiftung oder Hufrehe (Hufpuls deutlich tastbar, Stelzbein-Stellung)
- Pferd liegt ungewöhnlich lang oder kann nicht aufstehen
Heute noch
- Mäßige Lahmheit Grad 3+ ohne klare Ursache
- Wunden, die offensichtlich genäht werden müssen
- Temperatur dauerhaft über 39 °C
- Auffälliger Nasenausfluss mit Apathie
Im Tagesverlauf vereinbaren
- Geringe Lahmheit Grad 1-2 ohne weitere Symptome
- Hautveränderungen, Hautrisse oder Allergien
- Husten ohne Atemnot, leichter Nasenausfluss
- Verhaltensauffälligkeiten, Fressunlust an einem Tag
Anruf vorbereiten
Stallapotheke: Was wirklich hineingehört
Diese Grundausstattung deckt die meisten Notfälle ab und sollte für alle im Stall griffbereit lagern:
Mindestens einmal pro Jahr prüfen
Vorbereitung und Notfallplan
Ein einfacher Notfallplan reduziert Stress im Ernstfall enorm. Wer dieselbe Routine zweimal eingeübt hat, reagiert beim dritten Mal ohne nachzudenken.
- Tierarzt-Telefonnummern groß ausgedruckt und sichtbar im Stall hinterlegen
- Adresse des Stalls inklusive GPS-Koordinaten für Navigation parat haben
- Stallapotheke an einem für alle erreichbaren Ort, regelmäßig auf Haltbarkeit prüfen
- Eine zweite Person im Stall sollte wissen, wo Pferd, Halfter und Notfallausrüstung sind
- Equidenpass mit Impfstatus griffbereit, im Notfall ist die Tetanus-Impfung sofort relevant
- Versicherungsnummer der Tier-OP-Versicherung notiert, ggf. Vollmacht für Behandlung im Klinikfall
- Halterbasisinformationen: Alter, Gewicht, bekannte Erkrankungen, aktuelle Medikamente
Notfall-Absicherung durchdenken
Eine OP-Versicherung deckt Klinikkosten, die im Notfall schnell vierstellig werden. Im Ratgeber finden Sie einen Überblick zu Bedingungen und Auswahlkriterien.
Pferde-OP-Versicherung RatgeberHäufige Fragen zur Ersten Hilfe
Wie messe ich die Temperatur bei einem Pferd?
Rektal mit einem digitalen Thermometer. Schaft vor dem Einführen etwas anfeuchten und das Pferd am besten von einer Hilfsperson halten lassen. Normale Werte liegen zwischen 37,5 und 38,2 °C - Werte über 38,5 °C sind verdächtig.
Was tue ich bei Verdacht auf Kolik?
Pferd ruhig führen, kein Futter geben, Vitalwerte beobachten und sofort den Tierarzt verständigen. Wälzen zulassen, wenn es sich nicht selbst verletzt. Niemals selbst Schmerzmittel verabreichen, bevor der Tierarzt entschieden hat.
Wann ist eine Lahmheit ein echter Notfall?
Wenn das Pferd das Bein gar nicht belastet (Grad 5), bei plötzlich aufgetretener starker Lahmheit, sichtbarer Schwellung oder dem Verdacht auf einen Bruch. Auch ein deutlich pulsierender Hufpuls in Kombination mit Stelzbeinstellung deutet auf akute Hufrehe und ist ein Notfall.
Was darf nicht in die Stallapotheke?
Rezeptpflichtige Schmerzmittel oder Antibiotika für den menschlichen Gebrauch gehören nicht hinein. Auch alte oder abgelaufene Medikamente, Wundsalben mit Kortikoiden ohne tierärztliche Verordnung sowie scharfe Desinfektionsmittel, die offene Wunden zusätzlich schädigen können.
Wann darf ich Wunden selbst nähen oder kleben?
Nie. Auch kleine Wunden in Gelenk- oder Sehnennähe sind tierärztlicher Notfall. Wundkleber und Klammern sind in der Tierheilkunde dem Tierarzt vorbehalten, weil eine schlechte Versorgung schwere Infektionen oder Bewegungseinschränkungen verursacht.
Was kostet ein tierärztlicher Notdienst?
Notdienst-Zuschläge nach GOT bewegen sich aktuell zwischen 100 und 300 € zusätzlich zur regulären Behandlung. Eine Pferde-OP-Versicherung deckt im Klinikfall meist die deutlich höheren Operationskosten ab.
Sollte jeder Pferdebesitzer einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen?
Empfehlenswert. Tierschutzverbände, Reitvereine und Tierkliniken bieten regelmäßig spezielle Erste-Hilfe-Kurse für Pferdebesitzer an. Wer das einmal praktisch gemacht hat, reagiert in echten Notfällen deutlich ruhiger und treffsicherer.
Welche Werte muss ich dem Tierarzt am Telefon nennen?
Temperatur, Puls, Atmung, Verhalten, Symptome seit wann, ob Kot/Urin abgesetzt wurde, letzte Wurmkur, Impfstatus und ob das Pferd Wasser aufnimmt. Je präziser die Angaben, desto besser kann der Tierarzt entscheiden, wie dringend er kommt.
Stand: 2026-05-24 · Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Im Zweifel immer einen Tierarzt konsultieren.