Überblick und Einordnung
Pferde sind als Fluchttiere darauf programmiert, Schwäche möglichst lange nicht zu zeigen. Viele Erkrankungen entwickeln sich daher schleichend und werden erst dann sichtbar, wenn der Verlauf bereits fortgeschritten ist. Wer die häufigsten Krankheitsbilder kennt und seine Pferde aufmerksam beobachtet, erkennt Auffälligkeiten früher und kann gezielt reagieren.
Dieser Ratgeber sortiert die wichtigsten Pferdekrankheiten nach Körpersystem und zeigt jeweils typische Symptome, Ursachen und Vorbeugungsmaßnahmen. Notfallrelevante Diagnosen sind klar markiert, damit Sie im Ernstfall schnell entscheiden können, ob der Tierarzt sofort kommen muss.
Vorsorge ist günstiger als Therapie
Verdauungserkrankungen
Der Pferdedarm ist hochkomplex und reagiert empfindlich auf Fütterungsfehler, Stress und Bewegungsmangel. Verdauungsstörungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Tierarzteinsätze und Klinikaufenthalte.
Kolik
Notfall- Symptome:
- Unruhe, Wälzen, nach Bauch schauen, kein Kot, schnelle Atmung
- Ursachen:
- Verstopfung, Krampf, Verlagerung, Sandansammlung, Wassermangel, Fütterungsfehler
- Vorbeugung:
- Regelmäßige Fütterung kleiner Portionen, frisches Wasser, kein abrupter Futterwechsel, Bewegung, regelmäßige Wurmkur
Magenschleimhautentzündung (Magengeschwür)
- Symptome:
- Wechselnder Appetit, Leistungsabfall, gelegentliches Flemmen, Gurtenzwang
- Ursachen:
- Stress, lange Fresspausen, viel Kraftfutter, wenig Raufutter, Schmerzmittel-Dauergabe
- Vorbeugung:
- Heuangebot über 16 Stunden, mehrere kleine Kraftfuttergaben, Stressreduktion, Weidegang
Durchfall
- Symptome:
- Wässriger oder breiiger Kot, Gewichtsverlust bei chronischem Verlauf, Schwächezeichen
- Ursachen:
- Futterumstellung, Infektion (Salmonellen, Clostridien), Antibiotika, Wurmbefall, Sand
- Vorbeugung:
- Sanfte Futterumstellungen, Hygiene, parasitologische Kotuntersuchung, ausreichend Wasser
Bei jedem Kolik-Verdacht sofort den Tierarzt verständigen
Huf- und Bewegungserkrankungen
"Ohne Huf kein Pferd" ist im Stall jedem ein Begriff. Erkrankungen rund um den Bewegungsapparat sind eine der häufigsten Lahmheitsursachen und reichen von akuten Hufabszessen bis zu chronischen Gelenkerkrankungen.
Hufrehe (Laminitis)
Notfall- Symptome:
- Steife, klamme Schritte, Stelzbein-Stellung vorne, deutlich tastbarer Hufpuls
- Ursachen:
- Übergewicht, Fruktan- oder Kraftfutterüberschuss, EMS, Cushing, Geburtsstress, falsche Belastung
- Vorbeugung:
- Gewichtskontrolle, dosiertes Weidemanagement, regelmäßiges Hufbearbeiten, Stoffwechsel überwachen
Hufabszess
- Symptome:
- Plötzliche starke Lahmheit, oft Grad 4-5, Hufkapsel warm, Hufpuls einseitig erhöht
- Ursachen:
- Eingedrungener Fremdkörper, schlechte Hufqualität, Feuchtigkeit, Hufverletzung
- Vorbeugung:
- Trockene Stallumgebung, regelmäßige Hufkontrolle, gute Hufbearbeitung, Hufpflege
Sehnenschaden
- Symptome:
- Lahmheit, Schwellung an der Sehnenscheide, Schmerz bei Druck, Wärmegefühl
- Ursachen:
- Überlastung, plötzliche Bewegung, ungleichmäßige Böden, unzureichendes Aufwärmen
- Vorbeugung:
- Sauberes Aufwärmen, abwechslungsreiche Böden, langsamer Trainingsaufbau, Beobachten nach Belastung
Spat
- Symptome:
- Lahmheit nach Anreiten, die sich erwärmt, später dauerhaft, Verkürzung der Hinterhandaktion
- Ursachen:
- Verschleiß im Sprunggelenk, Fehlbelastung, genetische Veranlagung, Alter
- Vorbeugung:
- Langsamer Aufbau, Bewegung im Schritt, Boden- und Sattelqualität prüfen lassen
Arthrose
- Symptome:
- Steifheit, vor allem morgens, Schwellung an Gelenken, Lahmheit auf hartem Boden
- Ursachen:
- Verschleiß, Fehlbelastung, frühere Verletzungen, Übergewicht
- Vorbeugung:
- Regelmäßige moderate Bewegung, Gewichtskontrolle, ausgewogene Mineralstoffversorgung
Tipp: Lahmheit ist immer ein Befundungsanlass
Haut- und Fellerkrankungen
Hauterkrankungen sind selten lebensbedrohlich, beeinträchtigen aber Wohlbefinden und Reitbarkeit. Frühzeitige Behandlung verhindert Chronifizierung und Sekundärinfektionen.
Mauke
- Symptome:
- Krusten und Risse in der Fesselbeuge, oft entzündete Haut, Lahmheit möglich
- Ursachen:
- Nasse Boxen, Schlamm, bakterielle/pilzbedingte Infektion, geschwächte Immunabwehr
- Vorbeugung:
- Trockene Boxen, regelmäßig kontrollieren, schonende Pflege, kein scharfes Waschen, Fesselbehang sauber halten
Sommerekzem
- Symptome:
- Starker Juckreiz an Mähne, Schweif, Bauch, kahle Stellen, blutige Kratzwunden
- Ursachen:
- Allergische Reaktion auf Kriebelmücken-Speichel, genetische Disposition (häufig Isländer)
- Vorbeugung:
- Ekzemerdecke, Mückenschutz, Stallhaltung in Hochzeiten, hohe Pflege der Hautbarriere
Pilzinfektion (Trichophytie)
- Symptome:
- Kreisrunde haarlose Stellen, oft am Hals und an Sattellage, schuppige Haut
- Ursachen:
- Direkter Kontakt, gemeinsam genutzte Putzsachen, geschwächtes Immunsystem
- Vorbeugung:
- Eigene Putzbox, regelmäßiges Reinigen, betroffene Pferde isolieren, antimykotische Behandlung
Sarkoide
- Symptome:
- Knotige Hautveränderungen, oft an Bauch, Brust, Innenschenkel, Ohren
- Ursachen:
- Bovines Papillomavirus, genetische Veranlagung
- Vorbeugung:
- Früh tierärztlich abklären, je nach Befund Beobachtung, Cryotherapie oder Operation
Hautveränderungen tierärztlich abklären
Atemwegserkrankungen
Husten ist beim Pferd kein bloßes "Räuspern". Wer die Atemwegsgesundheit ignoriert, riskiert chronische Verläufe mit dauerhaftem Leistungsverlust. Staubarme Haltung ist die wichtigste Prävention.
Equines Asthma (RAO/IAD)
- Symptome:
- Husten, erhöhte Atemfrequenz, Leistungsabfall, sichtbares Pumpen der Flanken in fortgeschrittenen Fällen
- Ursachen:
- Staub im Heu, Stroh oder Stall, Schimmelsporen, schlechte Belüftung
- Vorbeugung:
- Heu bedampfen oder einweichen, staubarme Einstreu (Hanf, Holzpellets), gute Belüftung, häufiger Weidegang
Druse
Notfall- Symptome:
- Hohes Fieber, dicker Nasenausfluss, geschwollene Lymphknoten am Kehlgang, Abszessbildung
- Ursachen:
- Bakterielle Infektion (Streptococcus equi), hoch ansteckend
- Vorbeugung:
- Quarantäne bei Neuzugängen, Hygiene, Impfung in Risikoregionen mit dem Tierarzt besprechen
Influenza (Pferdegrippe)
- Symptome:
- Fieber, Husten, klarer Nasenausfluss, Schwäche, geschwollene Lymphknoten
- Ursachen:
- Virusinfektion, Tröpfcheninfektion auf Turnieren oder bei engem Kontakt
- Vorbeugung:
- Impfung nach FN-Plan, Quarantäne bei Symptomen, gute Stallhygiene
Druse-Verdacht ist immer Quarantäne-Anlass
Stoffwechselerkrankungen
Stoffwechselerkrankungen nehmen mit der Veränderung der Pferdehaltung und Fütterung deutlich zu. Übergewicht ist heute eine der häufigsten Ursachen für ernste Folgeprobleme.
Equines Metabolisches Syndrom (EMS)
- Symptome:
- Übergewicht, Fettpolster an Mähnenkamm und Kruppe, Hufrehe-Schübe, Trinkverhalten verändert
- Ursachen:
- Insulinresistenz, energiereiche Fütterung, zu wenig Bewegung, genetische Disposition (Robustpferde)
- Vorbeugung:
- Konsequente Diät, Bewegung, Weidemanagement mit Fressbremse, regelmäßige Blutbild-Kontrollen
Cushing (PPID)
- Symptome:
- Langes welliges Fell, schlechter Fellwechsel, vermehrtes Trinken/Urinieren, wiederkehrende Hufrehe
- Ursachen:
- Hormonelle Störung der Hirnanhangdrüse, fortgeschrittenes Alter (über 15 Jahre)
- Vorbeugung:
- Ab 15 Jahren jährliche ACTH-Blutkontrolle, frühe Diagnose ermöglicht medikamentöse Einstellung
Gewicht regelmäßig dokumentieren
Neurologische Auffälligkeiten
Neurologische Symptome werden oft erst spät erkannt, weil sie sich schleichend entwickeln oder mit Verhaltensauffälligkeiten verwechselt werden. Sie verdienen aber besondere Aufmerksamkeit, da sie Reiter und Pferd gefährden können.
Headshaking
- Symptome:
- Heftiges Kopfschütteln, Reiben der Nüstern, lichtempfindlich, oft saisonal
- Ursachen:
- Trigeminus-Nerv-Reizung, Allergien, Lichtreflex, Stress
- Vorbeugung:
- Saisonalität dokumentieren, Reizfaktoren reduzieren, Nasenklappe oder UV-Maske ausprobieren, tierärztlich abklären
Ataxie
Notfall- Symptome:
- Wackelnder Gang, Stolpern, Schwierigkeiten beim Rückwärtsrichten
- Ursachen:
- Halswirbelfehlbildung, Borna-Virus, neurologische Erkrankungen
- Vorbeugung:
- Bei Auftreten zwingend tierärztlich abklären, Reiten vermeiden bis Diagnose vorliegt
Infektionskrankheiten und Impfungen
Impfungen sind eine der wirkungsvollsten Schutzmaßnahmen gegen viele Pferdekrankheiten. Die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) bieten eine fundierte Orientierung.
| Erkrankung | Impfempfehlung | Risiko |
|---|---|---|
| Tetanus (Wundstarrkrampf) | Grundimmunisierung in den ersten Lebensmonaten, Auffrischung alle 2-3 Jahre - Pflicht für alle Pferde | Lebensbedrohliche neurologische Erkrankung durch kleinste Wunden, oft tödlich ohne Behandlung |
| Influenza | Grundimmunisierung mit 3 Impfungen, Auffrischung alle 6 Monate für Turnierpferde, jährlich für Freizeitpferde | Hochansteckend, Leistungsabfall über Wochen, kann sekundäre Infektionen auslösen |
| Herpes (EHV) | Auffrischung halbjährlich für Zuchtstuten oder bei Turnierbeteiligung | Erreger für Atemwegserkrankung, Aborte und seltene neurologische Form |
| Druse | Impfung möglich, aber unter Tierärzten diskutiert - sinnvoll in Risikoregionen | Sehr ansteckend, Quarantäne über mehrere Wochen erforderlich |
| Tollwut | Empfohlen in Risikoregionen, Pflicht beim Grenzübertritt in einige Länder | Tödlich für Mensch und Tier, in Deutschland selten geworden |
Impfpass im Equidenpass führen
Vorsorge und Früherkennung
Diese Routinen halten Pferde nachhaltig gesund und ermöglichen frühe Diagnose, wenn doch etwas passiert:
Notfälle finanziell absichern
Kolik-OP oder Sehnenschaden können vierstellige Kosten verursachen. Eine OP-Versicherung sichert ab, was die Sparrücklage selten leistet.
Pferde-OP-Versicherung verstehenHäufige Fragen zu Pferdekrankheiten
Welche Pferdekrankheiten sind am häufigsten?
Verdauungserkrankungen (allen voran Kolik), Hufkrankheiten wie Hufrehe und Hufabszesse, Atemwegserkrankungen (Equines Asthma) sowie Hauterkrankungen wie Mauke und Sommerekzem gehören zu den häufigsten Diagnosen in der Pferdepraxis.
Wann muss ich bei Symptomen sofort den Tierarzt rufen?
Bei Kolik, plötzlich extremer Lahmheit, hohem Fieber über 39 °C, Atemnot, Verdacht auf Hufrehe, Wunden in Gelenknähe oder neurologischen Symptomen wie Stolpern und Wegknicken. Im Zweifel lieber einmal mehr telefonisch beraten lassen.
Wie erkenne ich, ob mein Pferd Schmerzen hat?
Veränderte Mimik (zusammengekniffene Augen, gespannte Lippen), verändertes Fressverhalten, Schwitzen ohne Anlass, häufiges Hinlegen oder Stehen mit gestrecktem Hals und verändertes Sozialverhalten sind Frühindikatoren. Die Horse Grimace Scale ist ein wissenschaftlich validierter Bewertungsbogen.
Welche Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll?
Jährlicher Allgemeincheck mit Zahnkontrolle, parasitologische Kotuntersuchung, regelmäßige Hufbearbeitung, Blutbild ab ca. 15 Jahren oder bei Auffälligkeiten und Impfungen nach Plan. Bei alten Pferden zusätzlich ACTH-Test zur Cushing-Früherkennung.
Was kostet die Behandlung typischer Pferdekrankheiten?
Bei einer Kolik mit konservativer Behandlung typischerweise 200-600 €, eine Kolik-OP in der Klinik 4.000-10.000 €. Hufrehe-Therapie über Monate kann 1.500-5.000 € kosten, chronische Atemwegserkrankungen mit Inhalationstherapie ähnliche Größenordnungen. Eine OP-Versicherung lohnt sich für die meisten Pferdebesitzer.
Wie verhindere ich, dass mein Pferd krank wird?
Ein gutes Haltungsmanagement ist die wichtigste Prävention: viel Bewegung an frischer Luft, ausgewogene Heu-Fütterung, Sozialkontakte, saubere Boxen, Impfschutz nach Leitlinie, gezielte Entwurmung und regelmäßige Hufbearbeitung. Stress reduzieren, frühzeitig auf Veränderungen reagieren.
Welche Krankheiten sind genetisch bedingt?
Beispiele sind Sommerekzem (vor allem Isländer), OCD (Osteochondrose, viele Warmblutlinien), HYPP bei Quarter Horses, CSNB bei Appaloosas, EMS bei Robustpferden und FFS bei Friesen. Vor dem Kauf bestimmter Rassen sind genetische Tests sinnvoll.
Wann ist Eile bei der Diagnose besonders wichtig?
Bei Kolik, Hufrehe, Druse-Verdacht, Sehnenschäden und schweren Wunden zählt jede Stunde. Verzögerungen können den Verlauf deutlich verschlechtern und Behandlungskosten vervielfachen. Frühzeitig diagnostizierte Erkrankungen sind oft günstiger und schonender therapierbar.
Stand: 2026-05-24 · Dieser Ratgeber ersetzt keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung. Im Zweifel immer einen Tierarzt konsultieren.