Pferde und Kälte verstehen
Pferde sind von Natur aus hervorragend an Kälte angepasst. Ihr Winterfell, die Fähigkeit, Haare aufzustellen und damit eine isolierende Luftschicht zu bilden, sowie die Wärme aus der Heuverdauung machen sie zu echten Kältespezialisten. Die größten Herausforderungen im Winter sind deshalb selten die Kälte selbst, sondern Nässe, Wind, eingefrorenes Wasser, Bewegungsmangel und schlechtes Stallklima.
Viele gut gemeinte Maßnahmen sind sogar kontraproduktiv: zu warm eingepackte Pferde schwitzen unter der Decke, ein zu warmer Stall schadet den Atemwegen, und zu wenig Bewegung führt zu Verspannungen und Koliken. Der Schlüssel liegt darin, Pferde ihrer Natur entsprechend zu unterstützen, statt sie wie Menschen vor jeder Kälte zu schützen.
Die Komfortzone des Pferdes liegt tiefer als gedacht
Eindecken: ja oder nein?
Die Decken-Frage ist eine der meistdiskutierten im Pferdestall. Es gibt keine pauschale Antwort - die Entscheidung hängt von Fell, Alter, Gesundheit, Arbeit und Witterungsschutz ab. Diese Orientierung hilft:
Eher eindecken
- Geschorene Pferde, die im Winter weitergearbeitet werden
- Alte Pferde und Senioren mit reduzierter Wärmeregulation
- Kranke oder untergewichtige Pferde, die Energie sparen müssen
- Pferde ohne ausreichenden Witterungsschutz (kein Unterstand, viel Wind und Nässe)
- Dünnhäutige Rassen und Pferde mit wenig Winterfell
Eher ohne Decke
- Gesunde Pferde mit dichtem Winterfell und Zugang zu Unterstand
- Robustrassen wie Isländer, Norweger, Haflinger, Tinker mit viel Fell
- Pferde in der Herde mit Bewegungsmöglichkeit, die sich aktiv warm halten
- Pferde, die nicht oder kaum gearbeitet werden und ihr Fell behalten dürfen
Decke heißt Verantwortung
Wasser bei Frost
Wasserversorgung ist im Winter das unterschätzte Risiko. Pferde trinken bei kaltem Wasser ohnehin weniger, und wenn Tränken einfrieren, sinkt die Aufnahme weiter. Zu wenig Wasser ist eine der häufigsten Ursachen für Verstopfungskoliken im Winter.
- Tränken auf Funktion prüfen - Leitungen und Selbsttränken frieren bei Frost schnell ein
- Beheizbare Tränken oder Tränkenheizungen für frostsichere Versorgung nutzen
- Bei Eimertränke: mehrmals täglich frisches, handwarmes Wasser anbieten
- Wasser sollte nicht eiskalt sein - viele Pferde trinken bei Kälte zu wenig, was Koliken begünstigt
- Eis von Tränken und Eimern regelmäßig entfernen
- Wasseraufnahme beobachten: zu wenig Trinken ist eine häufige Ursache für Winterkoliken
Handwarmes Wasser fördert das Trinken
Fütterung im Winter
- Raufutter ist die wichtigste Wärmequelle - die Verdauung von Heu erzeugt Körperwärme
- Heumenge bei Kälte erhöhen, vor allem bei Außenhaltung und niedrigen Temperaturen
- Mehrere kleine Heu-Portionen über den Tag statt weniger großer Gaben
- Bei dünnen oder alten Pferden ggf. zusätzliches energiereiches Futter nach Tierarzt-Empfehlung
- Frisches Wasser bleibt entscheidend, damit das mehr aufgenommene Heu gut verdaut wird
- Mineralfutter weiter anbieten, da Winterweide keine frischen Nährstoffe liefert
Heu ist die natürliche Heizung
Bewegung und Training
- Auch bei Kälte gilt: tägliche Bewegung hält Kreislauf, Verdauung und Psyche stabil
- Bei Glätte auf gestreute oder geräumte Flächen ausweichen, Sturzrisiko ernst nehmen
- Aufwärmen verlängern - kalte Muskeln und Sehnen sind verletzungsanfälliger
- Nach dem Reiten konsequent trockenreiten oder unter Abschwitzdecke trocknen lassen
- Geschorene Pferde nach Belastung schnell wieder eindecken
- Bei extremem Frost (unter -15 °C) intensive Belastung vermeiden, da die Atemwege belastet werden
Kalte Sehnen brauchen längeres Aufwärmen
Stallklima und Atemwege
- Frische Luft ist wichtiger als Wärme - Pferde vertragen Kälte besser als Ammoniak und Staub
- Boxen gut belüften, aber Zugluft auf Pferdehöhe vermeiden
- Staubarme Einstreu (Hanf, Stroh-Pellets) reduziert Atemwegsbelastung
- Heu bedampfen oder anfeuchten bei Pferden mit empfindlichen Atemwegen
- Offenstall mit windgeschütztem, trockenem Liegebereich ist für die meisten Pferde ideal
- Temperaturschwankungen zwischen warmem Stall und kalter Halle möglichst gering halten
Frische Luft schlägt Wärme
Hufe bei Schnee und Eis
- Schnee kann sich im Huf zu harten Stollen verdichten - regelmäßig auskratzen
- Bei beschlagenen Pferden Schneegrips oder Hufgrip-Einlagen gegen Rutschen erwägen
- Hufe bleiben im Winter oft länger feucht - auf Strahlfäule kontrollieren
- Hufschmied-Intervalle einhalten, auch wenn weniger geritten wird
- Bei Glätte unbeschlagene Hufe (Barhuf) haben oft besseren Grip als glatte Eisen
Weide und Auslauf im Winter
- Matschige Ausläufe schädigen Grasnarbe und Pferdehufe - befestigte Bereiche schaffen
- Winterweide schonen: bei Dauerregen und Frost-Tau-Wechsel kann die Narbe dauerhaft zerstört werden
- Auch im Winter täglicher Auslauf - Bewegungsmangel ist schädlicher als Kälte
- Geilstellen und vereiste Pfützen meiden, Rutschgefahr beachten
- Heuraufen im Auslauf bieten Beschäftigung und Wärme durch Verdauung
Senioren und empfindliche Pferde
- Senioren haben oft reduzierte Wärmeregulation und brauchen früher eine Decke
- Zahnprobleme erschweren Heuaufnahme - eingeweichte Heucobs oder Mash können helfen
- Gewicht im Winter besonders beobachten, dickes Fell verdeckt Abmagerung
- Cushing-Pferde (PPID) haben oft langes Fell und schwitzen darunter - ggf. scheren und eindecken
- Arthrose-Pferde profitieren von gleichmäßiger Bewegung und trockenem, weichem Liegeplatz
Winter-Checkliste
Häufige Fragen zum Pferd im Winter
Muss ich mein Pferd im Winter eindecken?
Nicht zwingend. Gesunde Pferde mit dichtem Winterfell und Zugang zu Unterstand kommen meist ohne Decke aus. Eindecken ist sinnvoll bei geschorenen, alten, kranken, untergewichtigen oder dünnhäutigen Pferden sowie bei fehlendem Witterungsschutz.
Wie verhindere ich, dass die Tränke einfriert?
Beheizbare Tränken oder Tränkenheizungen sind die zuverlässigste Lösung. Bei Eimertränke hilft mehrmals täglich frisches handwarmes Wasser. Eis regelmäßig entfernen und die Wasseraufnahme beobachten, weil zu wenig Trinken Koliken begünstigt.
Frieren Pferde im Winter?
Pferde sind sehr kältetolerant. Ihre Komfortzone liegt deutlich niedriger als beim Menschen, gesunde Pferde fühlen sich bei 0 bis 10 °C oft am wohlsten. Wichtiger als Wärme ist Schutz vor Nässe und Wind sowie ein trockener Liegeplatz.
Soll ich im Winter mehr füttern?
Ja, vor allem mehr Raufutter. Die Verdauung von Heu erzeugt Körperwärme und ist die natürliche Heizung des Pferdes. Bei Kälte und Außenhaltung die Heumenge erhöhen und über mehrere kleine Portionen verteilen.
Kann ich bei Frost reiten?
Bis etwa -10 bis -15 °C ist Reiten mit längerem Aufwärmen meist unproblematisch. Bei stärkerem Frost belasten intensive Belastungen die Atemwege. Auf Glätte geräumte oder gestreute Flächen nutzen und nach dem Reiten konsequent trockenreiten.
Wie halte ich Hufe im Winter gesund?
Schnee regelmäßig aus den Hufen kratzen, weil sich harte Stollen bilden können. Auf Strahlfäule kontrollieren, da Hufe im Winter länger feucht bleiben. Schmied-Intervalle einhalten und bei Glätte über Grip-Lösungen (Schneegrips oder Barhuf) nachdenken.
Ist Offenstallhaltung im Winter geeignet?
Ja, sogar besonders gut - vorausgesetzt es gibt einen trockenen, windgeschützten Liegebereich und frostsicheres Wasser. Bewegungsfreiheit und frische Luft sind für die Pferdegesundheit förderlicher als ein warmer, aber stickiger Stall.
Wie erkenne ich, ob mein Pferd friert?
Zittern, eine eingezogene Haltung mit gegen den Wind gedrehter Hinterhand und kalte Ohrenansätze können Anzeichen sein. Ein kurzes Abtasten hinter den Ohren und an der Schulter gibt Aufschluss. Dauerhaftes Zittern ist ein klares Signal zum Eindecken oder Unterstellen.
Auch im Sommer gut vorbereitet
Hitze, Bremsen und Trockenheit fordern Pferde genauso wie der Winter. Der Sommer-Ratgeber zeigt, worauf es in der warmen Jahreszeit ankommt.
Pferd im SommerStand: 2026-05-24 · Letzter Inhalts-Check durch Pferde1.com